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Eine Fotografie der stürmischen Ostsee. Der Himmel ist grau, unten mittig schlägt gerade eine Welle um
© Jan-Peter E.R. Sonntag

Jan-Peter Sonntag

Seestück 9190

Über das Wasser hinweg zu sehen: ein namenloses Seestück auf einer Plakatwand an der Kaimauer neben der Brücke am Wildenbruch. Zwischen 1845 und 1850 wurde hier, um Baumaterial für das wachsende Berlin zu transportieren, der 10,3 Kilometer lange Landwehrkanal als Entlastung der Spree angelegt. Zeitgleich entwickelte sich in der marinen Malerei das Seestück – befreit von der Darstellung von Schiffen, Schiffsunglücken oder Seeschlachten – zu einem modernen Bildtypus. Das leere Seestück und der in Rede stehende Kanal sind Effekte des Gleichen: Ausdruck der industriell-urbanen Moderne. Der den Präsentationsort definierende Kanal, als logistische Entzerrung von Produktions- und Transportprozessen der industrialisierten Stadtentwicklung, ist ebenso ein Effekt des industriell-rationalen Verhältnisses zur Natur wie die bloße Darstellung ihrer Oberflächen, Bewegungen und Gewalten – ohne mythologische Implikationen, ohne den Menschen als handelndes Subjekt – in der Malerei wie der Photographie. Das leere Seestück spiegelt die Entfremdungserfahrung einer arbeitsteiligen Industriegesellschaft wider. Bildnerisch wie raumklanglich durchzieht dieses Motiv leitmotivisch das Œuvre Jan-Peter E. R. Sonntags – von seinen frühen raum-Arbeiten aus wabernden Feldern stehender Druckwellen und monochromatischem Licht über seine psychoakustischen Installationen mit endlos steigendem Rauschen und Nebel bis hin zu seinen Video- und Fotoarbeiten. Die dem mehrteilig gedruckten Großplakat zugrunde liegende Photographie entstand um die Jahreswende 2015, an einem späten Nachmittag in Travemünde, bei selten starkem Nordostwind.

Jan-Peter E.R. Sonntag wuchs in Travemünde an der Ostsee auf, besuchte den Musikzweig des Johanneums in Lübeck, studierte im Anschluss Bildende Kunst, Kunstgeschichte, Komposition, Philosophie und Kognitionswissenschaften, war u. a. Stipendiat der Akademie Schloss Solitude und der Villa Aurora in L.A. und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Deutschen Klangkunstpreis. Seine vorwiegend raumbezogenen Werke sind weltweit gezeigt worden u. a. bei Apex Art & The Kitchen, NY; zkm, Karlsruhe; ars electronica, Linz; WKV & Staatsgallerie Stuttgart; China Science & Technology Museum, Beijing; Elektra, Montreal; V2, Rotterdam; NIMK, Amsterdam; sonambiente, transmediale, tesla, Deutsche Bank Kunsthalle, Akademie der Künste, Savvy & TA T, Berlin; Fundacion Arte Y Technologie & 2021 im Rahmen von Audiospheres in der Reina Sofia, Madrid. Im Jahr 2015 hatte Sonntag seine erste Retrospektive Rauschen im WKV Stuttgart und 2017 realisierte er Rundfunk Aeterna - a radio opera im Auftrag der documenta 14.

Kuratiert von Uwe Jonas
Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler
  • Jan-Peter Sonntag